1975 wurde in der Anchor Brewing Company in San Francisco eine kleine Flasche Bier abgefüllt. Fritz Maytag, der die Brauerei vor dem Bankrott gerettet hatte, beschloss, mit einer neuen Hopfensorte zu experimentieren. Niemand hätte ahnen können, dass dieses Liberty Ale die Geschichte des amerikanischen Bieres grundlegend verändern würde. Der Hopfen in dieser Flasche hieß Cascade.
Vor Cascade war amerikanisches Bier fast gleichbedeutend mit hellen, milden und untypischen Lagerbieren. Die großen Brauereien bedienten den Massengeschmack. Hopfen spielte lediglich eine technische Rolle – er lieferte gerade genug Bitterkeit, ohne einen prägnanten Charakter zu hinterlassen. Dann kam Cascade und brach mit allen Regeln. Frische Grapefruit, blumige Noten und Gewürze – etwas völlig Neues für amerikanisches Bier. Bierliebhaber suchten nach etwas anderem. Cascade gab ihnen genau das.
Vierzig Jahre später ist Cascade immer noch die am weitesten verbreitete Hopfensorte in Amerika. Nicht etwa, weil sie die stärkste oder einzigartigste wäre, sondern weil sie eine Tür öffnete – die Tür zur Welt des Craft-Biers, wie wir sie heute kennen.
Ursprung und Geschichte
Cascade ist keine natürlich vorkommende Hopfensorte. Sie wurde im Labor durch einen über ein Jahrzehnt dauernden Züchtungsprozess entwickelt.
Das Forschungsprogramm begann 1956 an der Oregon State University unter der Leitung von Dr. Stanley Nelson Brooks. Das anfängliche Ziel war recht einfach: Hopfensorten mit besserer Krankheitsresistenz zu entwickeln, insbesondere gegen Echten Mehltau – ein Albtraum für Hopfenbauern im Pazifikraum.
Cascade ist das Ergebnis einer Kreuzung aus Fuggle – einer klassischen englischen Hopfensorte – und Serebrianker, einer russischen Hopfensorte. Diese Kombination ist unerwartet. Fuggle steuert die bekannten erdigen und blumigen Noten englischen Bieres bei. Serebrianker – weniger bekannt – trägt zu seiner Krankheitsresistenz und Anpassungsfähigkeit an das Klima des amerikanischen Nordwestens bei.
1968 wurde eine neue Hopfensorte ausgewählt und nach den Cascade Mountains benannt, die sich von British Columbia in Kanada bis nach Nordkalifornien erstrecken. Diese Bergkette ist ein Symbol für den pazifischen Nordwesten, wo Hopfen am besten gedeiht.
1972 wurde Cascade offiziell angekündigt und registriert. Doch der Markt reagierte verhalten. Die großen Brauereien – Budweiser, Miller, Coors – benötigten keinen Hopfen mit starkem Aroma. Sie wollten einen Hopfen, der mild-bitter und neutral war und den Geschmack des Durchschnittsverbrauchers nicht irritierte.
Cascade wäre beinahe vorzeitig gestorben.
Fritz Maytag rettete es. 1975 entschied er sich, Cascade als dominierende Hopfensorte für Liberty Ale zu verwenden. Diese Entscheidung widersprach dem damaligen Trend. Liberty Ale zeichnete sich durch ein kräftiges Hopfenaroma, eine deutliche Bitterkeit und – vor allem – einen unverwechselbaren Charakter aus. Die Flasche wurde legendär. Sie gilt als erster Prototyp des amerikanischen IPA.

Die Cascade-Region konzentriert sich hauptsächlich auf das Yakima Valley im US-Bundesstaat Washington. Eingebettet hinter den Cascade Mountains herrscht in diesem Tal ein semiarides Klima mit heißen Sommern, kühlen Nächten und geringen Niederschlägen. Mineralreiche Schwemmböden und die Bewässerung durch den Yakima River schaffen ideale Bedingungen für den Hopfenanbau. Über 751 Tonnen der US-amerikanischen Hopfenproduktion stammen aus dieser Region.
Heute ist Cascade-Hopfen nicht mehr ausschließlich in den Vereinigten Staaten anzutreffen. Diese Hopfensorte wird mittlerweile auch in Neuseeland, Argentinien und einigen Regionen Europas angebaut. Doch Cascade Yakima Valley gilt nach wie vor als Maßstab – mit dem vollmundigsten und ausgewogensten Aromaprofil.
Technische Spezifikationen
Cascade gehört zur Gruppe der Mehrzweckhopfen und eignet sich sowohl für Bitterkeit als auch für Aromatisierung. Sein Alpha-Säuregehalt liegt zwischen 4,51 TP3T und 71 TP3T, im Durchschnitt bei etwa 5,51 TP3T. Dieser Wert ist im Vergleich zu modernen Hopfensorten relativ niedrig, aber ausreichend, um eine milde, nicht aufdringliche Bitterkeit zu erzeugen.
Der Beta-Säuregehalt liegt zwischen 4,81 TP3T und 71 TP3T und erzeugt eine sanft anhaltende Bitterkeit im Nachgeschmack. Das Alpha/Beta-Verhältnis ist mit nahezu 1:1 eine Seltenheit und verleiht Cascade ein ausgewogeneres und runderes Mundgefühl als vielen anderen Hopfensorten.
Der Gesamtölgehalt liegt zwischen 0,8 und 1,5 ml/100 g. Zu den Hauptbestandteilen des Öls zählen Myrcen (45–60 %), Humulen (10–16 %) und Caryophyllen (3–6 %). Cascade zeichnet sich insbesondere durch einen hohen Linaloolgehalt aus – eine Verbindung, die zu seinem zarten, blumigen Duft beiträgt. Geraniol und Citronellol verleihen ihm seine charakteristischen Zitrusnoten.
Cohumulon – der Bestandteil, der die Bitterkeit beeinflusst – macht etwa 33–40 % der gesamten Alpha-Säuren aus. Dieser Anteil ist etwas hoch, reicht aber nicht aus, um eine unangenehme Bitterkeit zu erzeugen. Cascade bietet daher eine milde, angenehme Bitterkeit.
Die Erntezeit der Cascade-Öle im Yakima Valley liegt üblicherweise zwischen Ende August und Anfang September. In dieser Zeit erreicht der Gehalt an ätherischen Ölen seinen Höhepunkt, bevor es kälter wird.
Aroma und Geschmack
Wenn ich Cascade mit einem einzigen Wort beschreiben müsste, wäre es Grapefruit.
Es ist keine süße Grapefruit. Es ist eine Grapefruitsorte mit rosafarbenem Fruchtfleisch, einem erfrischend säuerlichen Geschmack und einer leicht bitteren Schale. Beim Schälen einer Grapefruit werden ätherische Öle freigesetzt, die einen frischen, belebenden Duft verströmen. Genau dieses Gefühl vermittelt Cascade.
Aber Cascade duftet nicht nur nach Grapefruit. Wenn man genauer daran riecht, entdeckt man mehrere Duftnuancen, die sich überlagern.
Die Kopfnote ist zitrusartig – Grapefruit, Zitrone und ein Hauch Orange. Dieses Aroma nimmt man als erstes wahr, wenn man das Bierglas an die Nase führt. Es ist frisch, spritzig und klar.
Die zweite Duftnote ist blumig. Nicht der intensive Duft von Rosen oder Jasmin. Vielmehr sind es kleine weiße Blüten – Orangenblüten, Grapefruitblüten, Wildblumen. Dieser Duft ist leichter und entfaltet sich, nachdem die anfängliche Zitrusnote verflogen ist.
Die dritte Ebene ist Würze. Ein Hauch schwarzer Pfeffer, ein Hauch von Kiefer. Das ist ein Erbe von Fuggle – wie englischer Hopfen im Blut von Cascade. Diese Würze ist nicht aufdringlich, verleiht dem Duft aber Tiefe und verhindert, dass er eintönig wird.
Beim Trinken ist der Geschmack von Cascade milder als sein Aroma. Er ist angenehm bitter, aber nicht herb. Ein leicht harziger Nachgeschmack bleibt im Hals zurück. Dieser Nachgeschmack hat eine Grüntee-Note – ein Merkmal, das nur wenige bemerken, das aber bei genauerem Hinsehen sehr deutlich wahrnehmbar ist.
Cascade ist nicht so intensiv wie die Hopfensorten Simcoe oder Citra, die einem fast ins Gesicht schlagen. Es ist subtiler. Es lädt dazu ein, erneut daran zu riechen, noch einen Schluck zu nehmen und jede Geschmacksnuance zu entdecken.
Bier im Cascade-Stil
Cascade ist die Seele von Amerikanisches Pale Ale und amerikanisches IPA. Das ist eine unbestreitbare Tatsache.
Amerikanisches Pale Ale
American Pale Ale – der Bierstil, der die amerikanische Craft-Beer-Revolution auslöste – wäre ohne Cascade undenkbar. Sierra Nevada Pale Ale, 1980 eingeführt, verwendet Cascade als Haupthopfensorte und gilt als Maßstab für den gesamten Stil. Die Grapefruitnoten von Cascade harmonieren perfekt mit dem leichten Karamellmalz und ergeben so ein süffiges und dennoch unverwechselbares Bier.
Amerikanisches IPA
Bei amerikanischen IPAs wird Cascade üblicherweise nicht allein verwendet. Er wird mit Centennial, Chinook oder Columbus kombiniert, um komplexere Hopfenmischungen zu kreieren. Cascade bildet die Basis – mit feinen floralen und Zitrusnoten –, während die anderen Hopfensorten für Tiefe und Bitterkeit sorgen. Viele Brauer nennen dies eine “C-Hopfen-Kombination” – eine klassische Kombination von Hopfensorten, die mit dem Buchstaben C beginnen.
Blondes Ale und amerikanischer Weizen
Cascade gibt es auch in leichteren Varianten wie Blonde Ale und Amerikanischer Weizen. Hier wird Cascade sparsam eingesetzt – gerade genug, um einen Hauch von blumigen und zitrusartigen Noten hinzuzufügen, ohne das Malz zu überdecken. Dies ist eine subtile Herangehensweise, die sich für Einsteiger in die Welt des Craft-Biers eignet.
Sitzung IPA
Session IPA – ein leichtes IPA mit weniger als 51,3 µg Alkohol – ist die ideale Basis für Cascade. Dank seines nicht zu hohen Alpha-Säuregehalts bietet Cascade eine moderate Bitterkeit, wodurch das Bier erfrischend bleibt und sich auch über mehrere Gläser genießen lässt. Seine frischen Zitrusnoten ergänzen den leichten Körper eines Session IPA perfekt.
Vergleiche mit anderen Hopfensorten derselben Gruppe.
Cascade gehört zur Gruppe der “C-Hopfen” – amerikanischen Hopfensorten, deren Name mit dem Buchstaben C beginnt und die aus Forschungsprogrammen in Oregon und Washington hervorgegangen sind. Die drei bekanntesten Vertreter sind Cascade, Centennial und Chinook.
Cascade und Centennial
Centennial wird oft als “Super Cascade” bezeichnet – und das aus gutem Grund. Centennial weist ein höheres Alpha-Säureprofil auf (9,5–11,51 TP3T im Vergleich zu Cascades 5,51 TP3T), was zu einer deutlich stärkeren Bitterkeit führt. Im Aroma behält Centennial die charakteristischen Zitrusnoten, tendiert aber eher zu Zitrone und Orange als zu Grapefruit. Cascade ist elegant, Centennial ist kräftig. Diese beiden Hopfensorten werden häufig zusammen verwendet – Cascade für die späte Hopfengabe und das Kalthopfen, Centennial zum Bitterhopfen.
Cascade und Chinook
Chinook ist anders. Es hat einen sehr hohen Alpha-Säuregehalt (12–141 TP3T), was ihm eine intensive Bitterkeit verleiht. Der Geschmack von Chinook erinnert eher an Kiefer und Gewürze als an Zitrusfrüchte. Wenn Cascade an frische Grapefruit erinnert, ist Chinook wie ein Kiefernwald nach dem Regen. Chinook eignet sich für vollmundige West Coast IPAs, während Cascade eher für ausgewogene Bierstile geeignet ist.
Cascade und Amarillo
Amarillo gehört zwar nicht zur Gruppe der C-Hopfen, wird aber aufgrund seiner ähnlichen Zitrusnoten oft mit Cascade verglichen. Amarillo tendiert jedoch eher zu Orange und Mango und ist süßer und tropischer. Cascade hingegen besticht durch einen spritzigen Grapefruitduft, weniger Süße und ausgeprägtere blumige Noten.

Woran man erkennt, wann man es genießt
Wenn man ein American Pale Ale oder IPA in der Hand hält, kann man Cascade an einigen charakteristischen Merkmalen erkennen.
Führen Sie das Glas zunächst an Ihre Nase. Wenn Sie Grapefruit riechen – Grapefruit, herb und leicht bitter in der Schale – ist es sehr wahrscheinlich, dass Cascade enthalten ist. Dieses Aroma steigt zuerst auf, ist klar und leicht erkennbar.
Achten Sie als Nächstes auf blumige Noten. Cascade hat stets einen subtilen Hauch von weißen Blüten, der sich unter der Zitrusnote verbirgt. Wenn das Bier nur tropische Fruchtnoten ohne blumige Nuancen aufweist, handelt es sich wahrscheinlich um Citra oder Mosaic, nicht um Cascade.
Achten Sie beim Trinken auf die Bitterkeit. Cascade bietet eine milde, angenehme Bitterkeit, die nicht lange anhält. Wenn die Bitterkeit jedoch stark und anhaltend im hinteren Zungenbereich spürbar ist, handelt es sich um eine andere Hopfensorte, möglicherweise Chinook oder Columbus.
Der Nachgeschmack von Cascade hat eine leicht harzige Note und – wenn man genau hinhört – einen Hauch von Grüntee. Dies ist das subtilste Unterscheidungsmerkmal.
Cascade ist kein Hopfen, der einen starken ersten Eindruck hinterlässt. Man muss sich Zeit nehmen. Noch einmal daran riechen. Noch einen Schluck nehmen. Die Aromen langsam entfalten lassen.
Vielleicht ist das der Grund, warum Cascade nach fast fünfzig Jahren immer noch existiert. Es schreit dich nicht an. Es wartet darauf, dass du zuhörst.

