Fuggle – Die Hopfensorte, die England prägte

Fuggle ist eine klassische englische Hopfensorte aus dem Jahr 1875, die erdige, holzige und kräuterartige Noten bietet – die Grundlage des englischen Ales seit über einem Jahrhundert.

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1949 stand ein Bauer in Kent inmitten eines sterbenden Hopfenfeldes. Falscher Mehltau hatte sich über die englische Landschaft ausgebreitet und in wenigen Jahren fast ganze Fuggle-Plantagen vernichtet. Er betrachtete die verdorrten Reben und dachte an seinen Vater, seinen Großvater – drei Generationen, die mit dieser Hopfensorte verbunden waren. Fuggle war mehr als nur eine Nutzpflanze. Er war Geschichte.

75 Jahre später ist Fuggle immer noch da. Viel weniger als früher. Aber immer noch. Und jedes Mal, wenn wir ein Glas English Bitter, Extra Special Bitter oder traditionelles Porter erheben, bleibt der Geschmack dieser Hopfensorte in jedem Schluck präsent – subtil, bescheiden und doch unverzichtbar.

Ursprung und Geschichte

Fuggle wurde 1861 in Horsmonden, einem kleinen Dorf in Kent im Südosten Englands, gegründet. Entdeckt wurde das Unternehmen von Richard Fuggle, einem ortsansässigen Landwirt. Der Legende nach stieß er in seinem Garten auf eine wilde Hopfenpflanze – möglicherweise eine natürliche Kreuzung der damals heimischen englischen Hopfensorten. Er vermehrte sie, experimentierte mit dem Anbau und erkannte ihr Potenzial.

1875 wurde Fuggle offiziell kommerzialisiert. Die Sorte verbreitete sich in Kent und traditionellen Hopfenanbaugebieten Englands wie Herefordshire und Worcestershire. Ende des 19. Jahrhunderts machte Fuggle fast 781 Tonnen der gesamten Hopfenernte in England aus – eine erstaunliche Zahl für eine Pflanze, die zufällig in einem Hausgarten entdeckt wurde.

Fuggles Erfolg beruht auf seiner Ausgewogenheit. Es ist weder zu bitter noch zu aromatisch. Es ist genau richtig – genau richtig als Basis für englisches Ale, genau richtig, damit Braumeister komplexere Rezepte kreieren können, ohne sich überfordert zu fühlen. Fuggle ist der perfekte Begleiter, der nie im Mittelpunkt stehen will.

Doch die Natur hat ihre eigenen Wege. Zwischen den 1920er und 1940er Jahren befiel der Falsche Mehltau (Verticillium-Welke) englische Hopfenplantagen. Die Sorte Fuggle mit ihrem empfindlichen Wurzelsystem war am stärksten betroffen. Die Erträge brachen ein. Viele Landwirte wechselten zu resistenteren Sorten wie Goldings oder neuen Hybriden.

Fuggle-Abschnitt, Bild 1 – Fuggle – Die Hopfensorte, die England prägte
Kent – Fuggles Heimatstadt seit 1861

Heute werden in England nur noch etwa 9–10 Tonnen Hopfen der Sorte Fuggle angebaut. Doch ihr Erbe reicht weit darüber hinaus. Fuggle ist der Stammvater zahlreicher bekannter Hopfensorten: Willamette (USA), Styrian Goldings (Slowenien) und viele andere. Wer ein mit Willamette gebrautes Craft-Bier trinkt, genießt einen direkten Nachkommen von Richard Fuggle und der wilden Hopfenpflanze von 1861.

Kent ist nach wie vor Fuggles Heimat. Auf den Feldern von Paddock Wood, Maidstone und East Peckham wird diese Hopfensorte weiterhin angebaut – nicht wegen ihres hohen Ertrags, sondern aus Tradition. Denn manche Dinge lassen sich nicht in Quantität messen.

Technische Spezifikationen

Fuggle gehört zu den Hopfensorten mit niedrigem Alpha-Säuregehalt (41–5,51 TP3T). Der Beta-Säuregehalt ist vergleichbar und liegt bei etwa 21–31 TP3T. Daher ist Fuggle kein Hopfen, der für eine starke Bitterkeit sorgt. Er verleiht dem Bier Aroma, eine Basis und Tiefe.

Der Gehalt an ätherischem Öl in Fuggle ist moderat und liegt zwischen ca. 0,71 und 1,21 TP3T (Trockengewicht). Die Hauptbestandteile des ätherischen Öls sind Humulen (25–30 TP3T), Myrcen (ca. 25–30 TP3T) und Farnesen (4–5 TP3T). Der hohe Humulenanteil erklärt das charakteristische kräuterig-holzige Aroma von Fuggle – ein deutlicher Kontrast zu den myrcenreichen amerikanischen Hopfensorten mit ihren Zitrusnoten.

Die Hopfenernte von Fuggle in England beginnt üblicherweise Anfang September, zu Beginn des Herbstes. Fuggle zählt zu den mittelfrühen Hopfensorten und benötigt von der Aussaat bis zur Ernte etwa 200 bis 210 Tage. Das milde Klima in Kent – nicht zu heiße Sommer und regelmäßige Niederschläge – ist ideal für die Wachstumsbedingungen dieser Hopfensorte.

Eine wichtige technische Eigenschaft: Fuggle ist schlecht lagerfähig. Nach sechs Monaten Lagerung bei Raumtemperatur verliert er etwa 60–70 % seines Alpha-Säuregehalts. Brauereien müssen ihn daher entweder frisch verwenden oder sorgfältig einfrieren – ein Grund dafür, dass viele Brauereien auf moderne Hopfensorten mit besserer Lagerfähigkeit umsteigen.

Aroma und Geschmack

Beim Riechen einer Handvoll frischer Fuggle-Pflanzen spürt man die feuchte Erde nach einem Regenguss. Das ist das erste charakteristische Merkmal – erdig, als stünde man an einem frühen Herbstmorgen in einem Wald. Nicht der Geruch trockener, karger Erde, sondern der Duft lebendiger Erde, Erde, die Pflanzen nährt.

Als Nächstes kommt die holzige Note. Nicht die kräftige Eiche des Whiskys. Sondern ein weiches Holz, wie Weidenzweige, wie Haselnussstämme. Ein wenig warm, ein wenig altmodisch. Wäre englisches Ale ein Haus, dann wären es die dunkelbraunen Holzbalken an der Decke.

Die dritte Duftnote ist kräuterartig. Nicht eindeutig Rosmarin oder Thymian. Vielmehr eine vieldeutige Mischung – ein Hauch milder Minze, ein Hauch getrockneter Blüten, etwas, das an einen verwelkten Lavendelstrauß im Wohnzimmer erinnert. Der Kräuterduft von Fuggle evoziert englische Gärten, wo Pflanzen scheinbar wild und ungebändigt wachsen.

Im Bier sorgt Fuggle für eine milde, runde und nicht aufdringliche Bitterkeit. Es ist die Art von Bitterkeit, die Lust auf mehr macht, nicht die, die einem das Gesicht verzieht. Der Abgang von Fuggle ist kurz bis mittellang und endet mit einer leichten Trockenheit – ähnlich dem Gefühl nach einer Tasse ungesüßtem Schwarztee.

Fuggle hat insbesondere einen Duft, den britische Braumeister als “grasig” bezeichnen – nicht nach frisch gemähtem Gras. Vielmehr ist es der Duft von getrocknetem Gras, genauer gesagt, von Gras, das in der Sonne getrocknet wurde, bis es gelb wurde. Es ist der Duft des verblassenden Sommers, der Felder von Kent Ende August.

Bierstile mit Fuggle

Fuggle ist die Seele des englischen Bitters. Wenn wir über bittere Bierwelt, Die Rolle dieser Hopfensorte darf nicht unerwähnt bleiben. English Bitter – mit seiner bernsteinfarbenen Farbe, dem moderaten Alkoholgehalt (3,5–4,5 % vol.) und der ausgewogenen Bitterkeit – basiert auf Fuggle. Seine erdigen und kräuterigen Noten verschmelzen mit einem leichten Karamellmalz und ergeben so das perfekte Bier für lange Abende im Pub.

Extra Special Bitter (ESB) ist eine verbesserte Version. Es hat einen höheren Alkoholgehalt (4,8–5,81 µg vol.), ein kräftigeres Malz und verwendet mehr Fuggle-Hopfen – sowohl beim Kochen als auch beim Kalthopfen. Das Ergebnis ist ein Bier mit mehr Tiefe und einem ausgeprägteren Hopfenaroma, das aber dennoch die traditionelle britische Ausgewogenheit beibehält.

In dunkle Bierwelt, Fuggle findet Verwendung in englischen Porter- und Stout-Bieren. Seine erdigen Noten ergänzen die Schokoladen- und Kaffeearomen des Röstmalzes und ergeben so ein komplexes und zugleich harmonisches Ganzes. Viele Braumeister halten Fuggle für Porter für die bessere Wahl als andere aromatische Hopfensorten, da er die Malzaromen nicht überdeckt, sondern lediglich als Hintergrund dient.

Das englische Mild Ale – ein Bierstil, der zunehmend in Vergessenheit gerät – verdankt seine Wirkung ebenfalls der Hopfensorte Fuggle. Mit seinem niedrigen Alkoholgehalt (85–115 ml vol.) und dem milden Geschmack benötigt Mild Ale eine Hopfensorte, die den Geschmack nicht überdeckt. Fuggle erfüllt diese Rolle perfekt: präsent, aber nicht aufdringlich, wie ein Freund, der zuhört.

Heute verwenden einige Craft-Brauereien in den USA und Europa Fuggle in traditionellen englischen IPA-Rezepten – nicht im modernen West Coast IPA mit seinen explosiven Zitrusnoten, sondern im englischen IPA-Stil des 19. Jahrhunderts, bei dem bitterer Hopfen und Kräuter im Mittelpunkt stehen.

Vergleiche mit Hopfen derselben Gruppe

East Kent Goldings ist der engste Verwandte von Fuggle innerhalb der englischen Hopfenfamilie. Beide weisen Kräuter- und Erdtöne auf, doch Goldings besitzt zusätzlich blumige und honigartige Nuancen, die Fuggle fehlen. Goldings ist raffinierter, “aristokratischer”, während Fuggle rustikaler und naturnäher ist. Wenn Goldings einer Tasse Earl Grey im Wohnzimmer gleicht, ist Fuggle eine Tasse Schwarztee im Pub.

Willamette, eine amerikanische Hopfensorte, die 1976 aus Fuggle gezüchtet wurde, behält viele Eigenschaften ihrer Elternsorte bei, besitzt aber ein leichteres, blumig-fruchtiges Aroma. Willamette hat einen etwas höheren Alpha-Säuregehalt (4-6%) und ist besser lagerfähig. Viele amerikanische Brauereien verwenden Willamette, wenn sie einen “englischen Stil” mit einer konstanteren Verfügbarkeit erzielen möchten.

Fuggle-Abschnitt, Bild 2 – Fuggle – Die Hopfensorte, die England prägte
English Bitter – ein Bierstil mit ausgeprägtem Fuggle-Flair.

Steirischer Goldings (oder Savinjski Golding) aus Slowenien ist eigentlich eine Nachkomme des Fuggle, nicht des Goldings, wie der Name vermuten lässt. Er wurde Anfang des 20. Jahrhunderts aus England nach Slowenien eingeführt und entwickelte sich dort zu einer eigenständigen Sorte. Steirischer Goldings hat einen leichteren, erdigen Geschmack als Fuggle, jedoch mit zusätzlichen, für die Anbauregion typischen würzigen Noten. Er ist eine beliebte Wahl für europäische Brauereien, die den englischen Fuggle ersetzen möchten.

Woran man erkennt, wann man es genießt

Wenn Sie ein Glas English Bitter oder ESB erheben, riechen Sie zunächst aus der Ferne daran. Der Duft von Fuggle ist nicht so intensiv wie der von Cascade oder Citra. Er ist subtil, sanft – ein flüchtiger Hauch von feuchter Erde, der dann verfliegt.

Bring das Glas näher heran. Jetzt können wir die holzigen und kräuterigen Noten wahrnehmen – wie im Heuhaufen. Nicht herb. Nicht scharf. Einfach eine warme, vertraute Grundnote.

Schon beim ersten Schluck fällt die Bitterkeit auf. Fuggle ist nicht aufdringlich, sondern breitet sich langsam von der Mitte nach außen aus. Die Bitterkeit ist rund, ohne scharfe Kanten – ganz anders als die harzige Bitterkeit amerikanischer Hopfensorten.

Der Nachgeschmack ist das wahre Highlight von Fuggle. Nach dem Schlucken einige Sekunden warten. Ein leichter, trockener Geschmack entfaltet sich, gefolgt von einem kräuterartigen Nachgeschmack. Er hält nicht lange an – gerade lange genug, um in Erinnerung zu bleiben, dann verfliegt er und macht Lust auf den nächsten Schluck.

Fuggle lehrt uns Geduld. Es ist keine Hopfensorte, die sofort Eindruck macht. Doch trinkt man sie langsam, achtet auf die Aromen, versteht man allmählich, warum die Briten diesem Hopfen seit fast 150 Jahren treu bleiben. Manche Dinge müssen nicht laut sein, um in Erinnerung zu bleiben.

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